BPWW/N.Kovacs
15 Jahre 15 Produkte,  Regionale ProduzentInnen

Vom Ankerpunkt zu neuen Perspektiven

Ein brütend heißer Sommertag, das Thermometer ist schon vor einigen Stunden auf über 35 Grad geklettert. Immer wieder kommt eine warme Windböe daher, es ist, als würde man in einem überdimensionalen Föhn sitzen. Im Schatten eines großen Walnussbaums treffen wir Günther Rieck, Geschäftsführer der Arge Chance und Standortleiter des „Ökogarten“ am Rand von Mödling.
Die Arge Chance, gegründet 1990, ist ein vom Arbeitsmarktservice Niederösterreich und dem Land Niederösterreich geförderter sozialer Beschäftigungsbetrieb, der Menschen dabei unterstützt, nach langer Beschäftigungslosigkeit wieder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. An den Standorten Mödling, Brunn am Gebirge und Schwechat gibt es neben dem Ökogarten eine Holzwerkstatt sowie eine Malerei; Sanierungsarbeiten und Grünraumpflege werden ebenfalls durchgeführt. Insgesamt können so gleichzeitig 76 Arbeitsplätze angeboten werden. „Die Dauer der Anstellungsverhältnisse reicht, abhängig vom Trainingsprogramm, von acht Wochen bis zu sechs Monaten. Insgesamt kann man davon ausgehen, dass die Arge Chance pro Jahr mit rund 150 KlientInnen ein Dienstverhältnis eingeht“, erklärt Günther Rieck.
Die KlientInnen sind meist Menschen mit den unterschiedlichsten Ausbildungen oder Personen, die nach einem Unfall oder Krankheit aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Auch Personen mit einer Sucht- oder psychischen Erkrankung werden betreut. Die KlientInnen werden von den regionalen Geschäftsstellen des Arbeitsmarktservices an die Arge Chance vermittelt, wo sie nach einem Bewerbungsgespräch ihre Stelle antreten können.

Bio-zertifizierte Spezialitätengärtnerei
Den Ökogarten der Arge Chance gibt es seit 2007. „Der ehemalige Besitzer hat eine Nachfolge gesucht. Für eine Erwerbsgärtnerei macht dieser Standort eigentlich keinen Sinn. Um wirtschaftlich arbeiten zu können, müsste man entweder vergrößern, oder sich weiter spezialisieren. Daher hat sich der ehemalige Besitzer sehr bemüht, dass ein Sozialprojekt hier einzieht“, erzählt Günther Rieck.
Auf zwei Hektar wird seitdem alles kultiviert, was in der Region wächst. In Handarbeit wird biologisch zertifiziertes Gemüse in allen Formen und Farben aus Saatgut gezogen, gehegt und gepflegt und zweimal pro Woche ab Hof verkauft. Das Gesundhalten des Bodens und das Schließen von Kreisläufen stehen bei der Bewirtschaftung im Mittelpunkt.

© Ökogarten
Im Ökogarten wird eine große Vielfalt an Gemüse kultiviert.

Der Arbeitstag beginnt für die KlientInnen zwischen halb acht und acht Uhr. Dann werden die Teams für den Tag ein- und die Aufgaben verteilt. Die ArbeitsanleiterInnen, im Fall des Ökogarten sind das vier ausgebildete Gärtner, koordinieren, was wo zu tun ist. Und das wird bei Wind und Wetter durchgezogen. „Das ist wirklich schwere Arbeit, zum Beispiel an so einem heißen Tag wie heute. Das ist nicht ein bisschen Arbeit spielen, das ist wirklich ambitioniert. Vielleicht um ein Gefühl dafür zu bekommen: Wir ziehen ungefähr 25.000 bis 30.000 Jungpflanzen pro Jahr“, führt Günther Rieck aus.

Im Ökogarten der Arge Chance gibt es eine große Auswahl an saisonalem Gemüse, sowie Kräuter, Stauden und Blumen.

Die Gemüse-Methode
Trotzdem ist es Günther Rieck wichtig hervorzuheben, dass der Ökogarten kein landwirtschaftlicher Betrieb ist: „Wir sind ein Sozialprojekt, bei dem es darum geht, Menschen nach langer Erwerbslosigkeit wieder fit für den Arbeitsmarkt zu machen – und die Methode, um das zu erreichen, ist die Gemüsegärtnerei.“

© citronenrot
Manuelle Arbeit und sozialpädagogische Betreuung gehen bei der Arge Chance Hand in Hand.

An jedem Standort der Arge Chance sind außerdem SozialarbeiterInnen beschäftigt, die die KlientInnen auf ihrem Weg begleiten. „Manuelle Arbeit und sozialpädagogische Betreuung gehen bei uns sozusagen Hand in Hand. Es geht darum, die Menschen zu stabilisieren, damit sie sich neu orientieren und neue Perspektiven finden können; Wir wollen sie soweit stärken, dass sie sich selbst wieder einen anderen Arbeitsplatz zutrauen. Wir versuchen, ihnen dafür einen Ankerpunkt zu geben.“
Am Anfang jedes Dienstverhältnisses wird zuerst betrachtet, wie das bisherige Leben verlaufen ist. „Diese unheimliche Vielfalt an Lebensgeschichten ist oft bedrückend, aber gleichzeitig auch unglaublich beeindruckend“, meint Günther Rieck. Danach wird gemeinsam mit den KlientInnen erarbeitet, wo es hingehen kann, welche Berufswünsche es gibt. „Ein Drittel der TeilnehmerInnen muss nach der Vorbereitung bei uns eine Anstellung am ersten Arbeitsmarkt finden. Wir unterstützen also auch beim Schreiben von Lebensläufen und der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche“, erklärt Günther Rieck.
In ihrer Zeit bei der Arge Chance entwickeln die TeilnehmerInnen sowohl die Wertschätzung für die Gemeinschaft mit den anderen Teilnehmenden als auch dafür, dass jeder Mensch für sich selbst einzigartig ist. „Das ist wirklich essentiell – zu sehen, dass es nicht die Langzeitarbeitslosen gibt, sondern dass jede und jeder in ihrer oder seiner Art besonders ist und extra beachtet werden muss. Es ist wirklich sehr schön zu sehen, wie sich Leute entwickeln, wenn sie als Mensch wahrgenommen und wertgeschätzt werden“, betont Günther Rieck. Auch das Stärken des Selbstwertes ist ein ganz wichtiger Faktor: „Es macht etwas mit den Menschen, wenn Sie sehen, dass das Ergebnis ihrer Arbeit anerkannt wird, wenn die KundInnen sich über die Qualität unserer Produkte freuen. Deshalb wollen viele am Ende ihrer Zeit bei uns gar nicht weg von hier. Nicht, weil es hier nichts zu tun gibt und es so locker zugeht. Mit jahrelanger Erfahrung kann ich sagen, dass wirklich fast alle arbeiten wollen. Die meisten haben nur sehr schlechte Erfahrungen gemacht, sind desillusioniert und müssen einfach ein bisschen aufgerichtet werden. Das ist unsere Aufgabe.“

Kontakt:

Ökogarten Mödling
Guntramsdorferstraße 16
2340 Mödling
Telefon: 0676/88044235
Email: oekogarten@argechance.at
Öffnungszeiten: Montag und Mittwoch 9 bis 14 Uhr sowie Freitag 9 bis 17 Uhr, saisonabhängig auch Samstag 9 bis 13 Uhr


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