Team Distelfink
© Gärtnerhof Distelfink/J. Haider
15 Jahre 15 Produkte,  Regionale ProduzentInnen

Fünf Männer ein Traum: Landwirtschaft der Zukunft

Also eigentlich kennen wir uns alle schon viel länger“, beginnt Julian die Geschichte des Gärtnerhof Distelfink in St. Andrä-Wördern. Denn die drei Biologen Daniel, Julian und Ralph, der Agrarwissenschaftler Jürgen und der Gartentherapeut Michael  – die „Distelfinken“ – gärtnern schon seit knapp zehn Jahren zusammen. Sieben Jahre haben sie einen Gemeinschaftsgarten bewirtschaftet, bis irgendwann die Idee aufkam, mehr aus dem Ganzen zu machen. Und so begann Ende 2016 die Planung des heutigen Betriebes. Mit den Mitteln der Soziokratie, einer spannenden Form der Teamorganisation, haben sich die Mitglieder zu Beginn auf einen Nenner gebracht, um alle zusammen hinter dem gemeinsamen Ziel stehen zu können. 

Durch eine glückliche Fügung wurde der Betriebsstandort in St. Andrä-Wördern, der nördlichsten Gemeinde im UNESCO Biosphärenpark Wienerwald, gefunden. Die Saison 2018 nutzten die jungen Gärtner dazu, die Betriebsinfrastruktur aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln, wie der Gemüseanbau denn in größerem Maßstab klappt. Und weil das alles so gut funktionierte, wurde 2019 offiziell der Betrieb gegründet.

Seitdem versorgt der Gärtnerhof rund 100 Haushalte in Wien und im Raum Klosterneuburg mit frischem, vielfältigem Gemüse. „Market Gardening“ nennt sich das Prinzip, auf kleiner Fläche, mit viel Handarbeit und rein organischen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, viel Ertrag zu erwirtschaften.

Gemüse für die Gemeinschaft

Gemeinsam mit Daniel und Julian sitzen wir unter der selbst gebauten Pergola am Gärtnerhof, umgeben von üppigen Beeten, in denen bunte Vielfalt heranwächst. Immer wieder trägt der laue Wind groovige Klänge aus einer BoomBox zu uns herüber. In den Beeten hinter uns wird gerade Fenchel gesetzt. Eine der mühsamsten Arbeiten am Betrieb, wie Julian findet – das geht mit der richtigen Musik eindeutig leichter. Der Großteil des produzierten Gemüses wird über das Prinzip der „Solidarischen Landwirtschaft“ – auf Englisch „Community Supported Agriculture“, also eine von der Gemeinschaft getragene Landwirtschaft, an die KundInnen gebracht. Die Idee dahinter ist denkbar einfach: Die Mitglieder der Gemeinschaft, die ErnteteilerInnen, bezahlen im Vorhinein den Jahresbeitrag und bekommen dann von Juni bis November die Gemüseernte einmal wöchentlich im fix und fertig gepackten Kistl.

© Gärtnerhof Distelfink/J. Haider
Gemüsekistl: Während der Saison bekommen die ErnteteilerInnen einmal pro Woche ein frisch zusammengestelltes Gemüse-Kistl

Die Vorteile des Systems liegen auf der Hand: „Die LandwirtInnen haben die finanzielle und die KonsumentInnen die kulinarische Sicherheit. Diese Art der Landwirtschaft hat etwas Zukunftsweisendes“, meint Julian. Denn die GärtnerInnen sind unabhängig von den Preisen, die die großen Handelsketten vorgeben. Durch diese Unabhängigkeit kann außerdem eine größere Vielfalt an Gemüse angebaut werden – Gemüse, das man so sonst nie bekommen würde, weil die Produktion völlig unwirtschaftlich wäre. „Wenn man nur an den Handel liefert, konzentriert man sich auf die Cash Crops, also jene Kulturen, die möglichst viel Geld pro Fläche bringen“, erklärt Daniel. „Aber wo bekommt man bitte snack-tauglichen Minifenchel?!“, fragt Julian. So können beispielsweise auch 19 verschiedene Sorten Paradeiser angebaut werden, die zwar exzellent schmecken, aber schlecht lagerfähig sind. Für den Handel sind solche Sorten uninteressant. Für die ErnteteilerInnen kommen sie direkt vom Feld auf den Teller. Produktionsüberschüsse aber auch -einbußen werden von der Gemeinschaft mitgetragen; wenn etwa die Erdflöhe Löcher in den Kohlrabi knabbern. So entsteht bei den KonsumentInnen wieder ein Gefühl dafür, was Landwirtschaft eigentlich ist, dass da immer was passieren kann. „Im Supermarkt bekommt man das ja gar nicht mit, da ist immer alles schön und shiny“, meint Daniel. Der Wert der Lebensmittel und die Prozesse in der Landwirtschaft rücken damit wieder in den Vordergrund. Durch die enge Verbindung von ProduzentInnen und KonsumentInnen entsteht langsam eine Gemeinschaft, eine soziale Struktur, die einer Region auch langfristig Rückhalt gibt. Die Distelfinken stehen außerdem in regem Austausch mit den ErnteteilerInnen und holen sich gerne Feedback von ihnen. Für jene Personen, die den Mitgliedsbeitrag nicht zur Gänze stemmen können, etwa Studierende oder Alleinerziehende, gibt es einige Kistl zu einem Sozialpreis. „Es war uns immer wichtig, dass wir kein elitäres Projekt sind, das nur finanzstarke Personen inkludiert, und vielleicht jene, die am meisten Interesse haben, ausschließt“, betont Julian. Diese Kistl finanzieren sich über Förderbeiträge jener Mitglieder, die mehr Geld zur Verfügung haben und das Projekt unterstützen wollen.

Am Gärtnerhof Distelfink geht man einen „ideologiebefreiten und unpolitischen Weg“ von Solidarischer Landwirtschaft. „Wir wollen keine Blase bilden“, sagt Julian. Deswegen gibt es neben den Kistln, die unter den ErnteteilerInnen verteilt werden, auch einen klassischen Ab-Hof-Verkauf.

Aber wie in jeder Partnerschaft, muss man auch in die Beziehung zwischen ProduzentIn und KonsumentIn investieren. Im Vergleich zu anderen Vermarktungsformen fällt an dieser Stelle für die LandwirtInnen mehr Arbeit an. „Wir organisieren zum Beispiel Gemeinschaftstage oder Hof-Feste. Wir bemühen uns, die Leute zu integrieren“, erklärt Daniel. „Wobei das von Anfang an so gewollt war! Für uns war die Solidarische Landwirtschaft von Beginn an der richtige Weg“, fügt Julian hinzu.

Kein Klischee

Dass das romantische Klischee vom einfachen Bauernleben oft nicht erfüllt wird, zeigt sich für die Distelfinken immer wieder. „Man muss an sehr vielen Ecken die Grundlagen legen, damit so ein Betrieb langfristig funktionieren kann“, erzählt Julian. Produktqualität,  Vertriebsstrukturen, Logistik, Werbung, Rechtliches, Finanzielles, Infrastruktur – viele Rädchen, an denen gedreht werden muss. Von „einfach mal so nebenbei machen“ kann da nicht die Rede sein.

© BPWW/N. Kovacs
Das Büro des Gärtnerhof Distelfink: Nur mit dem Anbau von Gemüse ist es nicht getan – für die LandwirtInnen fällt auch viel Schreibtischarbeit an.

Da ist es von Vorteil, dass das Team am Gärtnerhof die fünf Distelfinken samt „Anhang“ – ihrer Familie und Freunden – umfasst. „Da hat man viel mehr Hände, mehr Ideen und mehr Kompetenzen“, sagt Julian. Ralph, der Automatisierungstechnik studiert hat, hat beispielsweise einen Heiztisch für die Jungpflanzen gebaut – bequem von zu Hause über App steuerbar. Beim Rundgang durch den Betrieb, durch die Jungpflanzenzucht, den Nacherntebereich, die Packstation, zeigt sich: Das ist keine Aussteiger-Farm – das ist ein höchst professionelles Unternehmen mit Hand und Fuß.

© BPWW/N. Kovacs
Am Gärtnerhof setzt man fast ausschließlich auf Handarbeit – da muss die Qualität des Werkzeugs stimmen.

Da ist es von Vorteil, dass das Team am Gärtnerhof die fünf Distelfinken samt „Anhang“ – ihrer Familie und Freunden – umfasst. „Da hat man viel mehr Hände, mehr Ideen und mehr Kompetenzen“, sagt Julian. Ralph, der Automatisierungstechnik studiert hat, hat beispielsweise einen Heiztisch für die Jungpflanzen gebaut – bequem von zu Hause über App steuerbar. Beim Rundgang durch den Betrieb, durch die Jungpflanzenzucht, den Nacherntebereich, die Packstation, zeigt sich: Das ist keine Aussteiger-Farm – das ist ein höchst professionelles Unternehmen mit Hand und Fuß.

Raum für aktiven Naturschutz

Mit dem Projekt des Gärtnerhofes wollen die Distelfinken zeigen, dass man intensiven Gemüsebau betreiben und gleichzeitig aktiv Platz für die Natur schaffen kann. „Es ist schon irgendwie erschreckend, dass man Pflanzenarten, die früher überall vorgekommen sind, die man Ackerunkräuter genannt hat, heute aufgrund der landwirtschaftlichen Wirtschaftsform so  gut wie nicht mehr findet“, merkt Julian an. Deshalb werden am Gärtnerhof verschiedene Biotope geschaffen, mit denen die Artenvielfalt gefördert werden soll.

Blumenwiese© BPWW/N. Kovacs
Im Sommer blühen die Biodiversitätsflächen in allen Farben

So wurden bereits verschiedene Blühstreifen angelegt, in denen unterschiedliche Pflanzenarten gedeihen. Der „Ackersaum“, die „Wiesen“ und „Buntbrachen“ leuchten uns jetzt im Sommer in allen Farben entgegen. Die Flächen müssen richtig gepflegt werden, damit sich nicht einzelne Arten massiv ausbreiten können und die Artenvielfalt zurückgeht. Beispielsweise werden unerwünschte Arten gezielt entfernt und die Flächen – angepasst an die unterschiedlichen Lebenszyklen der Pflanzen – regelmäßig gemäht. Das Saatgut dieser Pflanzen stammt hauptsächlich aus Wildsammlung – da hilft es, drei Biologen im Team zu haben. Außerdem wurden Sträucher gepflanzt; ein alter Zaun zu einem Totholzhaufen recycelt; Steinhaufen aus Steinen, die beim Umstechen der Beete gefunden wurden, aufgeschichtet und Sitzwarten für Vögel errichtet. Viele Arten nehmen das Angebot schnell an: Das Turmfalkenpärchen Pauli und Frida kommt inzwischen fast täglich vorbei.

Nistkasten© BPWW/N. Kovacs
Der Steinhaufen, der im Inneren eine Brutkammer für verschiedene Tiere, wie zum Beispiel das Mauswiesel, verbirgt, freut sich schon auf die ersten BewohnerInnen.

Julian betont dass es neben dem reinen Naturschutz auch monetäre Vorteile hat, die Artenvielfalt zu fördern: „Wenn man die Resilienz, also die Standfestigkeit des Ökosystems, erhöht, dann ist der Druck von sogenannten Schädlingen schwächer, weil es dann auch die natürlichen Gegenspieler, die Antagonisten, in der Umgebung gibt. Dann hat man ein stabileres System, das nicht so anfällig ist für Einzelereignisse.“ „Und die Ergebnisse sind jetzt schon sichtbar, im zweiten Jahr“, fügt Daniel hinzu. „Wir haben einen massiven Blattlausbefall bei den Paprika im Folientunnel. Und dort wimmelt es nur so von Marienkäfern und Schwebfliegen.“

Das Wissen über die Artenvielfalt, wie man sie fördert und erhält, möchten die Distelfinken auch den KundInnen weitergeben: Deshalb gibt es beim Jungpflanzenverkauf nicht nur Gemüse, sondern auch Wildpflanzen – um naturnahes Gärtnern in den Hausgärten zu ermöglichen. In Zukunft sind auch Führungen zu diversen Themen geplant.

Den Anfang in der Region machen

Die Distelfinken wünschen sich, dass es mehr Betriebe gibt, die kleinstrukturiert arbeiten: „Unser Hof muss nicht riesig sein und tausend Leute versorgen“, sagt Julian. So könnte langfristig wieder eine reich strukturierte Agrarlandschaft und vielleicht sogar eine regionale Vollversorgung mit Lebensmitteln – mit Gemüse, Milchprodukten, Eiern und Fleisch – möglich sein. „Das ist eine große Triebfeder für uns – den Beginn hier in der Region zu machen“, betont Daniel.

Dazu gehört auch, mit Betrieben in der Umgebung zu kooperieren: So schwirren beispielsweise die Bienen von APIS-Z über das Feld und in den Gemüse-Kistln finden sich manchmal Pilze aus der Pilzwerkstatt

Bunter Vogel

Zum Abschluss fragen wir Daniel und Julian noch, was es mit dem Namen Gärtnerhof „Distelfink“ auf sich hat. „Der Distelfink, die alte Bezeichnung für den Stieglitz, steht eigentlich für all das, was wir hier am Betrieb machen“, erklärt Daniel. „Einerseits ist er ein sehr charakteristischer Vogel für eine reich strukturierte Agrarlandschaft und spezialisiert auf Distelsamen. Wir wussten von Anfang an, wenn wir Biodiversitätsflächen anlegen, wird er einer der ersten Vögel sein, die hier einziehen.“ Außerdem ist er ein „bunter Vogel“, der die Vielfalt und Lebendigkeit des Betriebes widerspiegelt. Immer in großen Trupps unterwegs, symbolisiert er für das Gärtnerhof-Team auch ihre Arbeit mit der und für die Gemeinschaft. „Und schlussendlich“, so Julian, „hat ein Vogel, der beim Fliegen die Welt von oben sieht, auch immer etwas Visionäres.“

© keith gallie, wikicommons.com_CC-BY-2.0
Der Stieglitz, früher Distelfink genannt, ist auf Distel- und Kardensamen spezialisiert.
Disteln vor dem Horizont© BPWW/N. Kovacs

Kontakt:

Gärtnerhof Distelfink
E: office@distelfink.bio
https://www.distelfink.bio

Ab Hof Verkauf
Öffnungszeiten ab 2. Juli:
Di und Fr 13 – 18 Uhr
https://www.distelfink.bio/unser-angebot


Caponata© BPWW/N. Kovacs

Haben Sie jetzt auch Lust auf Sommergemüse? Wie wäre es mit einen süß-sauren Sommergemüsesalat aus Italien?

Ein Kommentar

  • Bettina Wiedenhofer-Peternell

    Die Distelfinken sind großartige Menschen und ihre Produkte einfach köstlich knackige duftende Ergebnisse von Wissen, Einsatz und konsequenter Arbeit. Mehr von solchen Unternehmensformen und die Welt wäre wieder ein Stück besser…

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